BookLab · Germany · Catalogue

The Notebooks of Malte Laurids Brigge (German original)

by Rainer Maria Rilke · 1875–1926
German original · Germany · free to read in ITIPS BookLab

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Rainer Maria Rilke

Ich sehe seit einer Weile ein, daß ich Menschen, die in der
Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen
muß, in den Aufzeichnungen Analogien für das zu finden, was sie
durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht,
muß notwendig abwärts kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen
werden, die es gewissermaßen gegen den Strom zu lesen unternehmen.

Diese Aufzeichnungen indem sie ein Maß an sehr angewachsene Leiden
legen, deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte,
die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre.

R.M.R (Aus den Briefen vom Februar 1912) II. September, rue Toallier.

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen,
es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen:
Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und
umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.
Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an
einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie
um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da.
Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut.
Man wird sie entbinden--man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein
großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce,
Hôspital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber
es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es
roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von
pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe
ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu
finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit.
Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war
nicht teuer.

Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick,
grünlich und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er
heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war
offen, atmete Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun mal so.
Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache.

Daß ich es nicht lassen kann, bei offenen Fenster zu schlafen.
Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen
über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe
herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter
kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der
anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt,
kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder
die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die
Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles.
Jemand ruft. Leute laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für
eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kräht sogar ein Hahn, und
das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich plötzlich ein.

Continue reading — free with your email
📖 Open the full book
Rainer Maria Rilke and 231 more masters · 69.8 million words · no ads

More by Rainer Maria Rilke

Poems (tr. Jessie Lemont)Duineser Elegien — Duino Elegies (German origiDie Sonette an Orpheus — Sonnets to Orpheus (GNeue Gedichte — New Poems (German original)New Poems, Part II (German original)
© 2026 ITIPS — BookLab · public-domain texts, faithfully presented