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Der Zauberberg — The Magic Mountain, Vol. 2 (German original)

by Thomas Mann · 1875–1955
German original · Germany · free to read in ITIPS BookLab

Thomas Mann

Gesammelte Werke

1924
S. Fischer / Verlag / Berlin

Thomas Mann

Der Zauberberg

Roman

Zweiter Band

1924
S. Fischer / Verlag / Berlin

Erste bis zehnte Auflage
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin

Der Zauberberg

Sechstes Kapitel

Veränderungen

Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine
Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt
dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit,
wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur!
Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide
identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale
Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt
ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung.
Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich
selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man
fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das
Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner
eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten
Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich
entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der
Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas
besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen
die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen,
seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein
Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen
sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie
Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter
Körper im All? Das frage du nur immerhin!

Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner
Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich
aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust,
die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum
Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und
den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal,
obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort
ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am
wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er
keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran
fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf
französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande
Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins
Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten
Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings
geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf
Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen
Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes
Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“,
wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in
welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz
vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe
sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese
eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die
Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der
Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war
unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen
Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich
genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die
Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer
Autorität den Glauben, – nicht _ganz_ offen, nicht gerade gegen die
Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es
satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und
das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen
hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute
Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll
doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht
zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer
Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn
hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm,
jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann
Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der
gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so
gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine
Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich
reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren
schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem
Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung,
er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse
Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite
vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene
Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich
ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu
schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie,
Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem
Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst
ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person
zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal
er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, –
das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie
nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat,
Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar
runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein
Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war,
vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller
niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim
seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte
Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen
Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das
dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem
vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen
richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und
braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still
fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald
qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne,
bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee,
seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und
alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere
sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt,
aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster,
Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt.
Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um
die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz.

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